Empfohlen von Andy Reinard
Aus der Backhaus-Filiale Aachen (Burtscheider Markt)
Kennen Sie das einundzwanzigste Arrondissement in Paris? Nirgends in den geordneten, staubfreien Archiven der europäischen Erinnerung, auf keiner Landkarte findet man dieses Gebiet auf dem all die fantastischen Geschichten sich angeblich zutrugen.
Was für eine Entdeckung! Weltliteratur-Vorhang auf für die 30-Jährige jüdisch-marokkanisch-niederländische Geschichtensammlerin Safae El Khannoussi. Wie ein Schatz aus 1001Nacht liest sich ihr zauberhafter Debüt-Roman OROPPA. Eine wilde Rahmenhandlung mit vielen Schachtelgeschichten, von denen jede einzeln so hell leuchtet wie die goldenen Sterne auf der Europaflagge als Zeichen unserer Werte und Gemeinschaft eigentlich leuchten sollten. Was von diesen Werten übrig geblieben ist, schmeißt El Khanoussi uns hier ganz poetisch vor die Füße: Effizienz, Deregulierung, Vermarktungschancen, Handels-Bazzooka…auf das wir mit diesem Haufen an schnödem Kapitalismusmist glücklich werden.
Ihr OROPPA ist viel aufregender. Das der einfachen Leute, der Armen und Alten, der Papierlosen, Vagabunden, Hausbesetzer, Schnorrer, Schmuggler, Diebe, Dichter und Musiker – unter ihnen auch jene, denen noch das Salzwasser des Mittelmeeres aus den Hosenbeinen trieft, und jene, die auf sie warten, jene, die sich im Dunkeln der Nacht die Hände an brennenden Ausweisen wärmen. Von Pozzallo bis Calais.
Doch jede Geschichte hat ihren Anfang in der Geschichte, die ihr vorangeht. Und das ist dann eben oft auch die Geschichte von denen, die sich nicht angepasst haben an ihre Regime und was das für sie bedeutet. Nämlich Verfolgung, Folter, Tod oder Exil. Und Exil in Europa bedeutet wiederum dann eben was anderes als mit Erasmus ein Jahr besoffen durch Madrid zu torkeln. Ständige Unsicherheit. Heimweh. Heimatlosigkeit. Es bedeutet sich in vielen fremden Sprachen mit den Niederungen der Bürokratie abgeben. Es bedeutet Wohnungs- und Arbeitssuche unter unangenehmsten Bedingungen und vor allem bedeutet es Geld und Zukunftssorgen, jeden f***ing Tag. Aber am Ende kann es, wie in diesem Roman, auch bedeuten, die verlorene Heimat durch eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu ersetzten, Paralleluniversen zu erschaffen, mystische Sehnsuchts-und Zufluchtsorte. Wie eben das Einundzwanzigste. Ob sich der Ort dann wirklich in Paris befindet oder vielleicht in Amsterdam, Lüttich, Marseille oder Genua, wo er ebenso gut hinpasst, ist eigentlich egal. Dass mit dem Einundzwanzigsten, wie eine zarte Hoffnung in den Neunzigern suggerierte, vielleicht sogar unser ganzes Jahrhundert gemeint war, hat sich ja leider nicht erfüllt.
Denn Für die Menschen im Einundzwanstigsten zählt mittlerweile nur eine Wahrheit: Verlieren ist alles, was wir haben. -Sie zeigen von Oben mit dem Finger und schimpfen: Verbrecher! Tiere! Barbaren! Doch wer erst einmal von diesem herrlichen Leben, diesem in der Tat verbrecherischen, barbarischen Leben gekostet hat, kann nur antworten: Na und?
So kosten auch wir gerne von diesem Leben, erst recht, wenn es so köstlich serviert wird wie in Safae El Khannoussi metafiktionalem Meisterwerk der Stunde, OROPPA.